Andrea Gruetzner

Erbgericht

Als fremd-vertrauter Gast bewege ich mich durch ein altes Gebäude, welches mich seit meiner Kindheit in seinen Bann zieht. Ausgehend von der Tradition eines ehemaligen Dorfgerichtes ist das  »Erbgericht« seit über 100 Jahren ein großer Gasthof in einem Dorf in Sachsen. An seine Räume, Ecken, Gegenstände sind Erinnerungen von Generationen geknüpft. Doch die gesetzte räumliche Struktur erzählt nicht von sich aus, es sind immer unsere Projektionen, die sie einfärben. Die Bewohner des Ortes haben mir erzählt: »Da ist Alles passiert!«. Ob Kirmes, Ferienlager, Landkino, »Fest der jungen Künstler«, Bälle, Sportunterricht und Schlachterei: Dieses Haus, welches seid fünf Generationen in Familientradition geführt wird, wurde auf vielfältige Weise in diversen gesellschaftlichen Systemen genutzt. Ich habe stundenlang zugehört. Doch vieles ist nicht greifbar, weder die heutige Bedeutung noch die Erinnerungen.

Die Architektur wird zum Fragment. Mit farbigen Blitzen taste ich den Raum ab, bis der Schatten die Struktur des Bildes ergibt. Schatten verdoppeln, irritieren, dekonstruieren und bilden als authentische Spur ihren Referenten ab. Sie sind wie die Fotografie Metaphern der Erinnerung. Gänzlich »andere Räume« werden geboren, im Blitz-Bruchteil eines Moments, der die funktionale Realität zerreißt, entfremdet und sich in das analoge Trägermaterial einschreibt.

Mich interessiert die Auflösung des Raumes und die Überschreitung des Dokumentarischen in der Fotografie, das Spannungsverhältnis zwischen dem realen Ort und seiner Abstraktion in Bildern. Durch die Verklärung der vertrauten räumlichen Strukturen verliert sich zunehmend das Zeit- und Raumgefühl. Dennoch erkennt man nach längerem Hinsehen kleine Risse im Putz. Man erahnt den Raum, der sich jenseits der bildlichen Konstruktion erstreckt, mit einer Mischung aus Faszination und Entfremdung.

 

Andrea Grützner hat von 2010 bis 2014 an der FH Bielefeld studiert. Sie machte ihren Master of Arts mit der Arbeit »Erbgericht« bei Prof. Katharina Bosse und Prof. Dr. Kirsten Wagner.